RTL erklärt die Welt. Heute: Emo

Posted: 9. Juli 2008 by Heiko Hartmann in Schlagworte: ,
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Man mag ja jetzt über den derzeitigen Jugendsubkulturentrend Emo halten, was man mag. Meine beste Freundin nennt sie "Heulkiddies", der Großteil der Gothicszene lästert mit genau den abwertenden Sprüche über die Mitglieder dieser Szene, die die Gesellschaft über sie vor Jahren immer wieder benutzt hat und hirnbefreite Vorstadt-Reihenhaussiedlungs-Gangster mit 50 Cent und Co. als Vorbild dissen sowieso alles und jeden, der nicht sowas wie "Style" und "Credibility" hat.

In fast jeder kleineren und größeren Stadt sind sie derzeit sowieso überall zu sehen: diese mächtig aufgestylten und introvertierten Kids mit diesen riesengroßen, komischen Frisuren, den teils übertriebenen Schminke und dem sonderlich überfrachteten Modegeschmack. Ich gebe zu, daß ich an und für sich den Style mag und auch die Musik sehr gerne höre, ohne mich wirklich komplett als Emo zu bezeichnen. Dafür hab ich eine viel zu große Punkschlagseite an mir und sowieso einen breitgefächerten Musikgeschmack.

Wie man sich allerdings vollkommen zum Affen machen kann, beweißt RTL mit einem gestrigen Beitrag über Emos. Vollkommen an den Haaren herbeigezogen stopft der Sender dann auch mal Emos und Gothics in einen Topf, setzt dann im Bezug auf Emo auch noch das Wort Satanismus in den Umlauf. Immerhin kommt sowas immer gut, wenn was für die richtige und unfallfreie Entwicklung unserer lieben Kinder laut irgendwelchen kompetenzlosen Medienleuten schlecht ist. Das Palästinensertuch wird zum Emo-Erkennungszeichen Nummer 1, ganz egal, daß dies ja schon seit Jahrzehnten eher in der linken/autonomen Szene zu Hause ist. RTL scheißt drauf, geilt sich an seiner "aufklärerischen Mission" innerhalb des Beitrags auf und diffamiert auch die im Beitrag vorkommenden Emo-Mädels, die einem irgendwann nur noch Leid tun, daß sie sich so naiv für solch einen Quatsch hergegeben haben. Vor allem werden sie mit depressiven, psychisch gestörten und das Leben verneinende Dauerdepressive dargestellt. Gut, es gibt bestimmt irgendwelche, welche dieses aufgekommene Klischee des typischen Emos viel zu ernst in ihrem pubertären Leichtsinn nehmen, aber: man wird älter, meistens weiser und lernt einfach dazu.

Was kaum einer weiß, ist, das Emo - früher nannte man das übrigens mal Emocore - aus der Welt des Hardcore Punks entstammt und die Old School nichts mit dem heutigen, bekannten Emo zu tun hat. Selbst innerhalb der von Hardcore- und Punk-Anhängern (immerhin wurde 1986 schon von Ian McKaye bemerkt, daß Emo blöd ist) so verlachten heuigen Szene gibt es übrigens musikalisch einige sehr wunderbare Bands, das nur mal nebenbei erwähnt. Wer mal Emo der alten Schule - fernab von My Chemical Romance und Co - hören will, sollte sich einfach nach Bands wie (alten) Jimmy Eat World, Samiam (Götter!), Texas Is The Reason, Rites of Spring, Sunny Day Real Estate, Jets To Brazil, The Get Up Kids, The Promise Ring usw. umschauen und -hören. Soviel aber dazu. Und wenn es doch neuer sein soll, der greife bitte zu den leider aufgelösten boysetsfire, Alkaline Trio, Hot Water Music/The Draft, den deutschen Escapado, Story of the Year, Taking Back Sunday, Fire In The Attic, Comeback Kid und wie sie alle heißen. Einfach mal ein wenig schauen.

Doch bevor ich hier noch weiter Abschweife genug der Worte und weiter zu besagtem Bericht, der nur noch Kopfschütteln bei mir hervorruft. Wollen wir mal hoffen, daß einige vom Beitrag aufgescheuchte und besorgte Emos nicht noch von den Vorfällen in Mexiko vor einiger Zeit hören. Den Herren von RTL möchte ich übrigens noch einen Spruch von Dieter Nuhr mit auf den Weg geben: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten.

5 Kommentare:

  1. Eay says:

    Mir tun jetzt schon die Kids leid, die so rumlaufen und deren unwissende Eltern diesen Beitrag gesehen haben...

  1. Marco says:

    Ohje ist das ein Quatsch... "er trägt das typische Emotuch - das Palituch" Args...
    Ich halte selbst auch nicht viel von dieser Jugendbewegung, einfach weil ich sie nicht ernst nehmen kann... du hast aber recht, wenn du sagst, dass man das differenzieren muss, zwischen den heutigen und den damaligen Emo(core)s. Das traurige daran ist aber, dass die meisten einfach nur herumfaken und den Leuten in ihrer Umgebung mit dem Herumgeritze und dem Selbstmordgelaber Angst machen wollen. Leider bleiben dabei die wirklich gefährdeten Jugendlich mit richtigen Problem auf der Strecke...

    Bei Taff auf Pro7 gab es übrigens einen ganz ähnliches Beitrag:
    http://youtube.com/watch?v=O8GatHmo2oQ

  1. Marco says:

    Ups... meinte natürlichen "Jugendlichen mit richten Problemen" *g*

  1. GrossOut says:

    @eay: Oh ja, mir tun sie auch schon leid.

    @marco: Danke für den Taff-Beitrag. Ist zwar nicht ganz so schlimm wie der RTL-Beitrag, bietet aber dennoch einiges, wo man sich an den Kopf fassen möchte. Ich persönlich bin den Leuten gegenüber innerhalb dieser Szene teils irgendwie kritisch eingestellt. Wie gesagt: Style und Musik find ich teils echt sehr toll, nur manche übertreiben es irgendwie mit dem Ausleben des Klischees und man kann diese dann - wie du auch schon sagtest - nicht mehr ernst nehmen. Da dies ja jetzt überall so groß Trend ist, sind eh bestimmt mehr als die Hälfte der Emos sowieso nur Fashion Kids und Trendsetter, die - wenn es was Neues gibt - Emo dann bestimmt alle ganz scheiße finden. Schade, das dann wirklich die gefährdeten Kids mit ihren wirklichen Problemen (wie du ja auch schon angemerkt hast) gar nicht beachtet werden. Gerade Leute die an SVV oder Borderline leiden (kann man das so schreiben?), scheinen - jedenfalls nach meinen kleinen Beobachtungen - einen Hang zur Emoszene zu haben.

  1. Anonym says:

    "Er war wahrscheinlich ein Emo und hat sich wahrscheinlich umgebracht"
    "Ja, die ritzen sich halt und das ist dann emotional"